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Der Bücherschrank meines Opas

Mein Großvater aus Solingen war Bauer und Milchhändler, mit einem kleinen Hof, der nicht viel abwarf. Meine Oma Elfriede war öfter grantig, vielleicht weil mein Opa lieber las, als den Stall auszumisten, oder sich sonstwie landwirtschaftlich zu betätigen. Übrigens behauptete man lange Jahre in meiner Familie, dass ich "ganz nach dem Friedchen käme", was mich ebenso lange Jahre ärgerte, weil es eben nicht als Kompliment gedacht war.
Der Bücherschrank meines Opas war ein mächtiges Ungetüm aus dunkel gebeiztem Holz, in der Mitte mit einer Glastür, die rechts und links von schmalen Holztüren mit Schnitzereien flankiert war. Hinter ihnen verbarg sich das "gute Geschirr" ebenso wie alte Fotoalben, Kartons mit vergilbten Briefen, einige Handtaschen meiner Großmutter, und noch allerlei Krimskrams, der mir als Kind aber wohl nicht interessant genug erschienen war, um weiter erforscht zu werden. Hinter der Glastür aber standen die Bücher.

Ich mag elf, zwölf Jahre alt gewesen sein, als ich die Bücher für mich entdeckte. Die Buchrücken, meist Lederimitat oder Leinen mit Golddruck, flößten mir immer eine gewisse Ehrfurcht ein, weil sie so kostbar in der ansonsten wenig aufwendigen Einrichtung des Fachwerkhäuschens meiner Großeltern wirkten. Und allein dadurch waren sie zunächst von besonderem Interesse. Schon bald aber fand ich den Inhalt viel interessanter und spannender. Welche Beruhigung bei der Genugtuung, die das Schicksal für Kleists Bettelweib von Locarno bereit hielt! Die erste Strophe des Schillergedichtes "Nadowessiers Totenlied" beschrieb mir eine würdevolle Einfachheit, die es zu erlangen lohnte. Shakespeares Sommernachtstraum war mir ein im Wortsinn phantastisches Märchen, und ich durchlitt alle Höhen und Tiefen der Schillerschen Dramenfiguren. Ich weinte mit Heine, und träumte mit Eichendorf. Gedichte von Möricke waren mir so lieb wie die von Hölderlin, und in den Stichen von Merian blätterte ich genauso gerne wie in Henriette Davidis Kochbuch. Das alles fiel völlig unbeeinflusst in mein kindliches Gemüt. Niemand mischte sich ein, und wozu auch? Was ich nicht verstand, erklärte sich über die intuitive Erfassung. Wohl überflüssig zu erwähnen, dass mich die üblichen Kinder- und Jugendbücher späterhin nicht mehr so ansprachen.

Die kindlich unbefangene Lektüre der "Klassiker" aus dem Bücherschrank meines Großvaters hat mich nachhaltig geprägt, genauso wie der unprätentiöse Umgang meiner Familie damit.
Und so versuche ich es immer noch zu halten: klassisch und unprätentiös.

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